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Hackeln bis zum Unfallen?

Dienstag, 30. März 2010, 19:20 Uhr

[aus "vorneweg. Zeitung für Veränderung"]
Eine kurze Geschichte

Gerade die Geschichte der Arbeitszeit und die damit verbundenen Kämpfe der arbeitenden Bevölkerung machen deutlich, dass die ArbeiterInnen nichts geschenkt bekommen. Der Kampf um kürzere Arbeitszeiten und bessere Lebensbedingungen war immer ein Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie. In Österreich wurde nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen Ende 1919 (zunächst provisorisch) der gesetzliche 8-Stunden-Tag eingeführt. 1959 wurde schließlich in einem Generalkollektivvertrag die wöchentliche Arbeitszeit auf 45 Stunden festgelegt und 1975 wurden 40 Stunden dann schlussendlich zur Normalarbeitszeit. Das ist mittlerweile 35 Jahre her.

Durch die gesellschaftliche und technologische Entwicklung seit dieser Zeit ist eine weitere Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit nicht nur machbar, sondern sie tut auch Not. Denn während sich die Arbeitsproduktivität[1] seit der Einführung der 40-Stunden-Woche mehr als verdoppelt hat, haben die Werktätigen davon wenig gehabt. Das heißt also, dass sich die Gewinne der Unternehmen immer weiter steigerten und Arbeit immer „effektiver“ nutzbar gemacht werden konnte, während die Löhne im Vergleich immer weiter sanken.

Industriellenvereinigung für 60-Stunden-Woche

Angesichts dieser Entwicklungen sind 40 plus X Stunden in der Woche einfach nicht notwendig – geschweige denn eine Verlängerung der Arbeitszeit. Gleichzeitig machen sich aber unter dem Schlagwort „Arbeitszeitflexibilisierung“ Industriellenvereinigung und Wirtschaftskammer für massive Arbeitszeitverlängerungen stark. 10 Stunden Normalarbeitszeit, bis zu 12 Stunden tägliche und 60 Stunden wöchentliche Arbeitszeit sowie einen Durchrechnungszeitraum für Überstunden von zwei bis fünf Jahren stehen auf ihrer Agenda. IV-Präsident Sorger fordert, dass es bis zum 1. Mai (!) 2010 zu „signifikanten Verbesserungen bei der Arbeitszeitflexibilisierung“ kommen müsse.[2] Diese Forderung muss man sich vor dem Hintergrund, dass in Österreich derzeit 400.000 Menschen arbeitslos sind und im zweiten Quartal 2009 von 754.000 Beschäftigten 81.000.000 Überstunden[3] geleistet wurden, nochmals auf der Zunge zergehen lassen. Alleine durch die Aufteilung der Überstunden könnten jetzt schon etwa 60.000 Vollzeitstellen real geschaffen werden. Doch die österreichischen Eliten wollen emsig „weiterflexibiliseren“.

Für eine Arbeitszeitverkürzung...

Eine Verkürzung der Arbeitszeit stellt aber nicht nur ein geeignetes und naheliegendes Mittel gegen Arbeitslosigkeit dar. Durch eine Arbeitszeitverkürzung kann verhindert werden, dass die Krise der Banken und Konzerne auf die Jugend und die arbeitenden Menschen abgewälzt werden kann. Sie stellt ein Instrument zur Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von oben nach unten dar. Hand in Hand mit dem Kampf gegen die Krise geht als direktes Ergebnis einer Verkürzung der Arbeitszeit die Steigerung der Binnennachfrage in Österreich. Dass eine Voraussicht und Planung, aber nie eine Stärke des Kapitalismus war, sieht man bei der äußerst kurzfristig gedachten Mär von der teuren Arbeitszeitverkürzung. Denn die niedrigen Sozialeinkommen bei Arbeitslosigkeit belasten die Binnenwirtschaft gerade beim privaten Konsum. Mit einer Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich wird der private Konsum hingegen merkbar steigen.

Durch Trends zur ungesunden Arbeit (Nacht- und Schichtarbeit, immer längere Arbeitszeiten, Überstunden, vermehrter Druck etc.) kommt es immer häufiger zu berufsbedingten Krankheiten und aufgrund erpresserischer Maßnahmen denkt man heute sowieso zweimal nach, bevor man in Krankenstand geht. Kürzere Arbeitszeiten würden hierbei entlastend wirken.

Schon Marx sagte, dass man den wahren Reichtum einer Gesellschaft an der Zeit, über die die in ihr lebenden Individuen frei verfügen können, sehen kann. Neben der Erwerbsarbeit muss jeder Mensch vielen weiteren Verpflichtungen nach gehen: sei dies Arbeit im Haushalt oder Kinderbetreuung. So kommt es, dass viele Menschen unter chronischer Zeitnot leiden. Der durch eine Verkürzung der Arbeitszeit gewonnene Zeitwohlstand lässt sich auf viele Arten nützen und es kommt zu einer deutlichen Erhöhung der Lebensqualität.

...bei vollem Lohnausgleich

Eine der vieldiskutierten Fragen beim Thema Arbeitszeitverkürzung ist jene des vollen Lohnausgleichs. Voller Lohnausgleich heißt, dass die Verkürzung zu keinem Einkommensverlust führt. Eine Arbeitszeitverkürzung, die nicht Hand in Hand mit einem vollen Lohnausgleich geht, wäre verheerend. Es würde zwar mehr Freizeit geschaffen werden, jedoch steht man dann vor dem Problem einer enormen Prekarisierung, was sich schließlich in der Verschlechterung der Lebensbedingungen großer Teile der Bevölkerung niederschlagen würde. Dieses Vorgehen würde einer massiven Lohnkürzung entsprechen und wäre ein fauler Kompromiss. Insofern kann eine Arbeitszeitverkürzung nur mit vollem Lohnausgleich sinnvoll stattfinden!

„Und wie viele Stunden hätten’s denn gern?“

Abschließend stellt sich natürlich die große Frage nach dem Wie-viel. Man sollte sich hierbei keine Illusionen machen. Weder darf man sich viel auf die Spitzen der rosaroten Gewerkschaften einbilden, noch die momentan herrschenden Klassenverhältnisse unter den Teppich kehren. Es ist nun mal so, dass wir uns in einem Abwehrkampf befinden. Diesen gilt es zu gewinnen und eine Verlängerung der Arbeitszeit abzuwehren. Weitergehen muss es dann mit einer Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich zuerst auf die 35- und schließlich auf die 30-Stunden-Woche.

[1] Arbeitsproduktivität: wie viel Produktion mit wie viel Arbeitsstunden möglich ist. Steigt sie, so sind die Arbeitsstunden für die Unternehmer „ertragreicher“
[2] http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20091116_OTS0241
[3] Statistik Austria, zit. n. Wiener Zeitung vom 24.09.09, S. 11



  





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